Predigt zu Karfreitag 2026

Liebe LeserInnen!

Das Kreuz ist ein Liebesakt. Christus stirbt, damit ich nicht sterben muß wegen meiner vielen Sünden, den Bosheiten, die mir in den Sinn kommen, wenn ich meine Kollegen predigen sehe und die Feigheit und Verschlafenheit der Kirche insgesamt, die enger zusammenrückt, weil ihr die Menschen davonlaufen.

Manche gucken aber Fernsehen und da gibt es Pfarrer Braun mit Ottfried Fischer und dem so wunderbar korrupten Bischof Hemmelrat. Von Otti habe ich das Beten neu gelernt.

Hallo Gott, ich hätte da eine Frage. Ich habe gelernt bei meinen Lehrern Hans Georg Geyer und einem gewissen boshaften Eberhard Jüngel in Tübingen, daß im Lukasevangelium 22,42 Jesus gerne den Kelch des Foltertodes von 7 schmerzhaften Stunden des Erstickens am Kreuz an sich vorübergehen lassen wollte und DIR sagte, daß DU alles vermagst. Also auch, ihn verschonen vorm Kreuz. Aber nicht wie er wollte, sondern wie Du, HERR, es willst. kai\ e)/legen,  Abba o( path/r, pa/nta dunata/ soi: pare/negke to\ poth/rion tou=to a)p' e)mou=: a)ll' ou) ti/ e)gw\ qe/lw a)lla\ ti/ su/. Er starb also DIR zuliebe und deshalb sagen meine Lehrer, es war ein "innertrinitarischer Liebesakt". Der fromme Christ stellt sich sofort irgendeinen Schweinskram vor. Hörmal Gott, war das vielleicht ein riesiges Mißverständnis, daß die Jünger gepennt haben, während Jesus mit dir verhandelt hat, und überhaupt keiner sagen kann, was da wirklich zwischen Jesus und DIR gesprochen wurde? Daß DU überhaupt nicht von ihm verlangt hast, daß er sich vor dem Hohen Rat als Dein Sohn und König der Juden (Lk 23,3) aufspielt, was er auch sonst nie in seinem Leben und seiner Heilungsarbeit gemacht hat. Herodes und Pilatus fanden ihn doch beide toll und überhaupt nicht schuldig, anders als die Hohepriesterclique. Danach war ja dann klar, die werden ihn als Aufrührer, als Messias-Anwärter, als Revoluzzer töten müssen. Sein ganzes Leben lang hatte Jesus nie mit den Zeloten sympathisiert. Wieso dann in Jerusalem plötzlich? Wie kommt so ein Sinneswandel? Hast du ihm etwa den Kopf verdreht?

Hier spricht Gott, lieber Micha. Ich war das nicht, ich habe meinem lieben Sohn Jesus in Gethsemane niemals irgendwas erzählt von Sünden der Menschheit auf sich nehmen und dann als Opferlamm am Kreuz verrecken. Ehrlich gesagt bin ich ziemlich geschockt darüber, was die Leute damals von mir gedacht haben. Ich soll meinen Sohn totfoltern lassen, damit die Menschen nicht von mir für ihre Verbrechen getötet werden, Bullshit. Ich bin zwar oft ganz schön entsetzt, was die so treiben da unten, aber ich kann da nicht eingreifen und ich könnte niemals die allesamt töten, nur weil sie zu doof sind, miteinander in Frieden und Gerechtigkeit zu leben. Es tut mir in der Seele weh, was das für eine Welt ist und wie brutal da viele mit ihren Mitgeschöpfen umgehen, auch mit den Tieren. Aber ich kann es nicht ändern, das können nur die da unten alleine. Ich hatte mir so gewünscht, daß sie auf Jesus hören und seinem Beispiel nacheifern. War wohl nix. Aber eins kann ich dir sagen, Micha: ich habe Jesus niemals gesagt, er soll mir zuliebe ans Kreuz gehen. Es ist so schrecklich gewesen, seinen Tod mit ansehen zu müssen. Aber auch die unzähligen anderen Menschen, die unterdrückt werden, gequält, gefoltert, bei jedem blutet mein Herz und ich sehne mich sooo (ooooooooooooooooooooooooooooooooooo) sehr nach einer Veränderung unter den Menschen. Bisher ist nichts besser geworden. Eher noch brutaler und gewissenloser. Eine Scheiße ist das, jetzt mal auf gut deutsch gesprochen, mit Hebräisch hast du es ja nicht so. Also nochmal zum Mitschreiben auf deinem Computer: Ich will, daß die Menschen glücklich werden und zwar allesamt und nicht nur die Reichen. Und sag das mal den paar Hanseln weiter, die du siehst. Und mit kreuzigen habe ich es nicht so, das ist nicht meine Welt. Diese ganze Quälerei unter den Menschen, das frustriert mich und macht mich von Jahrhundert zu Jahrhundert verzweifelter. Was der Jüngel da für einen Quatsch über mich geschrieben hat, vergiß es. Mach lieber schön Musik, da kannst du wenigstens keinen ärgern. So, jetzt bin ich müde und muß eine Runde schlafen und schlummern. Tschüß Micha.

Ja, liebe Lese-Gemeinde, so sprach Gott zu mir und ich kann Entwarnung geben, der Tod Jesu war kein gottgefälliger Liebesakt Jesu, um den Vater im Himmel von seiner Idee abzubringen, uns alle verrecken zu lassen, sondern es war die Angst von Priestern in Jerusalem, ein Mensch mit einem so radikalen Eintreten für die Mühseligen und Beladenen könnte ihre harte Ordnung ankratzen.

Was ja typisch war beim Tod Jesu: Es war die Kirche, die die Politiker zur Hinrichtung getrieben hat. Wir kennen das aus dem Mittelalter, die Scheiterhaufen, das Verbrennen oder Ertränken und Foltern der Ketzer, die einfach weiter waren in ihrer Gotteserkenntnis und Weltkenntnis als der vertrottelte Verein der kirchlichen Chefetage. Und all die Grausamkeiten werden dann immer im Namen Gottes gemacht. Jesu Passion ist noch lange nicht zu Ende. Jesu Passion geht weiter, von Priestern betrieben. Er wird zum Idol am Kreuz erhöht, offiziell ist man prüde, aber Jesus wird fast nackig dargestellt in dieser gruseligen Folterszene oben am Kreuz, das ist nicht jugendfrei oder kindgemäß. Genau das, wogegen Jesus aufgestanden ist, Gewalt, wird in den Kirchen als höchstes Symbol angebetet. Ich finde das schokierend und abartig. Mit jedem Menschen, der Gewalt leiden muß von anderen Menschen, leidet Gott selbst mit. Und er macht das nicht aus Spaß am Leiden, sondern weil er will, daß wir endlich damit aufhören, uns gegenseitig Leid zu bereiten. Gott sehnt sich nach der Offenbarung seiner Herrlichkeit. Er sehnt sich nach einer friedlichen Welt und glücklichen Menschen. Amen.

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Und gleich noch ein Bemerkung über Ostern. Warum so fix nach der Kreuzigung die Masse von diversen und überhaupt nicht miteinander vereinbaren Ostergeschichten, die allein durch ihre Vielzahl und Unvereinbarkeit zeigen, wie unterschiedlich sich die Damaligen ausgeschmückt haben, was 1 Kor 15,5 als Gesehenwerden Jesu durch Petrus und danach den Zwölfen, als ooftä, kaiì oÀti wÓfqh  Khf#=, eiåta toiÍj dw¯deka auf griechisch, das früheste Zeugnis von Jesu Auferstehung war. Apropos 12: War Judas da nicht bereits erhängt? Es waren Visionen der Trauer über den Verlust des Meisters und Rabbi Jeschua. Es waren ansteckende Zeichen der Liebe und Verehrung des Menschen Jesus, der für die Armen, Ausgestoßenen, die Opfer der Gesellschaft gelebt hat. Es war der Auftakt, weiterzumachen wie Jesus und seine Sorge um die Verlorenen fortzusetzen. Genau so ist Jesus tatsächlich als Motor der Menschlichkeit wieder auferstanden und das waren nicht nur die trauernden Jünger und Frauen um Jesus herum, sondern das war die Vollmacht Jesu, die als Mut zur Menschlichkeit in den Nachfolgenden, in der sich bildenden Kirche, weitergewirkt hatte. Daß Jesus ins Keryma auferstanden sei, wie Bultmann schlau fabuliert, bleibt an der Oberfläche des Wortes, wo es doch aufs Handeln ankommt. Wenn Nachfolge bloßes Gesabbel bleibt, bleibt es um die Kirche traurig bestellt. Als Planung, als Theorie und Entwurf einer Handlung, mag Wort und Abstimmung untereinander wichtig sein. Dann aber kommt das Tun des Gerechten und Guten und da beginnt erst die Macht Gottes wirklich und wirkend. Das genau wäre Ostern und da genau wäre Jesus leibhaftig auferstanden - hinein in unsere für Gerechtigkeit und Frieden arbeitenden Leiber.

Jüngel entwickelt die innertrinitarische Liebe von Vater und Sohn. "Gott versöhnt die Welt mit sich, indem er sich im Tode Jesu gegenübertritt als Gott der Vater und Gott der Sohn, ohne mit sich uneins zu werden."[1] Dies ist eine contradictio in adiectio. So johannäisch er daherkommt, Vater und Sohn sind niemals eins und erst recht nicht da, wo der Sohn den Vater mordet wie bei Freud oder im Krimi. Ebenso nicht umgekehrt im Sohnesmord des Vaters. Was an der Vater-Sohn-Liebe am Kreuz trinitarisch sein soll, wie also der Geist heilig sein soll, der diesen Sohnesmord des Vaters betreibt, ist für Jüngel kein Thema. Da reichen schon zwei für die Trinität.


[1]  Eberhard Jüngel, Gott als Geheimnis der Welt. Zur Begründung der Theologie des Gekreuzigten im Streit zwischen Theismus und Atheismus, Tübingen3; Mohr, 1978 § 23 S. 504ff; Henning Theißen, Hans-Georg Geyers Behandlung der Dogmatik in seinen akademischen Vorlesungen, in: Neugieriges Denken. Die Lehrtätigkeit und das theologische Werk von Hans-Georg Geyer. Mit vier unpublizierten Predigten von Hans-Georg Geyer, herausgegeben von Frank Dittmann, Thorsten Latzel und Henning Theißen, Greifswalder Theologische Forschungen (GThF), Herausgegeben von Christfried Böttrich im Auftrag der Theologischen Fakultät Greifswald, Band 30, Evangelische Verlagsanstalt Leipzig 2018, 31-72, 44: „Die Deutung des Kreuzes Jesu Christi als doppelte Hingabe kommt also nicht zu dem zu deutenden Faktum hinzu, sondern beschreibt dieses sachgemäß trinitarisch; d. h.: anders als trinitarisch kann von Hingabe im Kreuzestod gar nicht gesprochen werden. […] Jesus ist m.a.W. so sehr Sohn, dass er diese Liebe auch am Kreuz festhält und mit dem Abba des Gethsemanegebets oder dem lukanischen Sterbewort »Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist« (Lk 23,46) noch im Tod darauf insistiert, der Sohn dieses Vaters zu sein.“ Theißen referiert dies zustimmend.

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